Das Affolter Modell – Affoltertherapie

(von Reinhard Ott-Schindele, In Wachkoma, Betreuung, Pflege und Förderung eines Menschen im Wachkoma, 2.1,2.A. Urban & Fischer Verlag 2007)

Das Affolter Modell wurde von Frau Dr. Felicié Affolter begrĂŒndet.
AnfĂ€nglich lag der Schwerpunkt in der Arbeit mit Kindern mit Wahrnehmungsstörungen. Wichtige Erkenntnisse wurden aus der Beobachtung der Entwicklung von gesunden Kindern fĂŒr die Arbeit mit geschĂ€digten Kindern gewonnen. In stĂ€ndiger Weiterentwicklung wurde das Modell auch auf die Arbeit mit Erwachsenen mit erworbenen HirnschĂ€den ĂŒbertragen.

Das Affolter-Modell beruht auf der Annahme dass ein Mensch durch die Auseinandersetzung mit der Umwelt, im Rahmen von Alltagsgeschehnissen (mit all seinen Problemstellungen und den -lösungen), zum Wissen gelangt, wie die Beziehung zwischen seinem Körper und der Umwelt beschaffen ist. Ziel ist es eine Verbesserung der Wahrnehmungsorganisation zu erreichen. Der Patient soll die Möglichkeit bekommen zu lernen und sich weiterzuentwickeln.

Das Affolter-Modell setzt im Alltag – in der Wirklichkeit an.

Bei allen Patienten die sich im Zustand eines Wachkomas befinden, ist irgendwann in Ihrem Leben ein Ereignis eingetreten, das eine SchĂ€digung des Gehirns verursacht hat, welche grundsĂ€tzlich nicht mehr rĂŒckgĂ€ngig zu machen ist.

Affoltertherapie„Oftmals liegen diese Patienten regungslos mit offenen Augen im Bett. Das Herz schlĂ€gt, die Haut ist warm und die Atmung funktioniert. Der Blick wirkt leer und durchdringend. Er ist nicht gerichtet und kann auch nicht fixieren. Jede Form der Ansprache bleibt ohne sinnvolle Reaktion. Der Patient ist völlig hilflos. Niemand weiß wie viel er von sich und der Umwelt wahrnimmt. Nicht selten wird daher diese Erkrankung auch als vegetativer Zustand bezeichnet und die Lebensform dieser Patienten vermeintlich auf das Funktionieren der inneren Organe, gesteuert durch das vegetative Nervensystem reduziert.
„(Habermann , Kloster: Schwere erworbene HirnschĂ€digung. In Ergotherapie im Arbeitsfeld Neurologie. Thieme Verlag, Stuttgart 2002)

FĂŒr den Alltag des Patienten bedeutet das, dass eine Vielzahl von Leistungen im Alltag nicht erbracht werden kann. Die grundlegendste AuffĂ€lligkeit ist, dass sie scheinbar nicht in der Wirklichkeit leben, sondern sich lediglich dort befinden.

Genauso wie gesunde, haben Patienten im Wachkoma BedĂŒrfnisse z.B.

  • Satt zu werden/Durst zu stillen – ErnĂ€hrung
  • Sauber zu sein – Hygiene
  • Stuhl- und Urinauscheidung
  • Schmerzfreiheit
  • Angstfreiheit/Geborgenheit/Sicherheit
  • Soziale Kontakte/Einbezug

Die betreuende Personen kĂŒmmern sich um die Bedürfnisse, die der Patient nicht selbst befriedigen kann. Dies ist zwingend notwendig, damit der Patient ĂŒberhaupt ĂŒberlebt. Mit dieser Grundversorgung allein wird aber leider nicht das Chaos im Gehirn des Patienten beseitigt, das durch die HirnschĂ€digung eingetreten ist. Das Chaos bedeutet dass eine Vielzahl von Reizen ungefiltert ins Gehirn einströmt. Es gibt keinen Anhaltspunkt darĂŒber, was nun wichtig oder unwichtig ist.

AffoltertherapieMöglicherweise gehen wichtige Informationen verloren (z.B. zur Position), weil keine VerÀnderung/Bewegung auf der Unterlage mehr stattfindet.

Der Patient benötigt zielgerichtete Hilfe und UnterstĂŒtzung bei der Informationssuche. Es ist wichtig und unerlĂ€sslich, mit dem Patienten zu arbeiten und nicht ausschließlich für ihn.

„Ich erspĂŒre die Welt: Ich bewege meinen Körper, meine HĂ€nde, Arme, die Beine, den Rumpf. Ich bewege mich so lange, bis ich einen Widerstand spĂŒre, der meinen Bewegungen entgegensteht. Ich erhalte den Eindruck, etwas zu berĂŒhren. In dem ich berĂŒhre, stoße ich auf Widerstand. Diese Erkenntnis ist Grundlage der Erkenntnis: Hier ist etwas anderes als ich, hier ist „ die Welt“ – und somit auch: Hier bin ich ! BerĂŒhren ist so ein erster Schritt für eine Interaktion zwischen mir und der Welt.“ ( Affolter Dr. F.:, Wahrnehmung, Wirklichkeit und Sprache, 9.A.Neckar Verlag, Villingen- Schwenningen 2001)

Die HirnschÀdigung des Patienten wirkt sich auf die Organisation des Gehirns aus und bringt VerhaltensauffÀlligkeiten hervor.
Beim wachkomatösen Patienten ist die vordergrĂŒndigste VerhaltensauffĂ€lligkeit, dass er sich in seinem Zustand zwischen wach und komatös befindet und nicht wirklich am Alltag teilnimmt. Er kann selbstĂ€ndig keine gespĂŒrten Interaktionen mehr herstellen.
Es ist nicht möglich, die Störung im Gehirn auf dem direkten Weg anzugehen. Das Affolter-Modell wĂ€hlt einen Ansatz, der auf gespĂŒrter Interaktion aufbaut. Innerhalb der gespĂŒrten Interaktion werden das Verhalten der Patienten bzw. die eingetreten VerĂ€nderungen beobachtet.

Über gespĂŒrte Interaktion im Alltag versuchen wir an der „Wurzel der Entwicklung“ zu arbeiten, diese zu nĂ€hren und damit die Organisation im Gehirn zu verbessern. Gelingt uns dies, reduzieren sich die AuffĂ€lligkeiten bzw. es entwickeln sich positive VerhaltensverĂ€nderungen.

Dazu werden die Patienten in ihrem individuellen Alltag mit ihren persönlichen BedĂŒrfnissen und Besonderheiten gefĂŒhrt.

FĂŒhren:

GrundsĂ€tzlich geht es beim Führen darum, dem Patienten zu helfen, organisierte Information zu suchen. Um mit dem Patient z.B. das Waschen durchzufĂŒhren so, dass er all die Informationen bekommt, die wir in der gleichen Situation bekommen, bedarf es einer klaren Struktur in der Vorgehensweise. Wir wollen mit dem FĂŒhren erreichen, dass die Organisation des Gehirns in Bezug zu den Quellen zur Position und zum Geschehen sich verbessert.

Pflegerisches FĂŒhren:

Beim FĂŒhren versuchen wir dem Patienten zu helfen, gespĂŒrte Information aufzunehmen, die er alleine nicht erhalten könnte. In Interaktion zwischen der Person und der Umwelt ist es wichtig zu erspüren: “WAS“ verĂ€ndert sich in welcher Art und Weise durch mein Tun (Ursache/ Wirkung). Dabei muss ich in jedem Moment wissen “WO“ ich mich im Bezug zur Unterlage und gegebenenfalls zu einer stabilen Seite (z.B. Wand, RĂŒckenlehne, Tischkante) befinde.
(Affolter Dr. F.; Bischofberger, Dr. W.: Nonverbal perceptual and cognitive processes. In: Children with language disorders. Toward a new framework for clinical intervention. Mahawa, New Jersey, London: Lawrence Erlbaum Associates Pulishers 2000)

Bei wachkomatösen Patienten wird in aller Regel das „Pflegerische FĂŒhren“ angewandt. In dieser Form fĂŒhren die HĂ€nde des Therapeuten/Pflegers den ganzen Körper des Patienten.

Beim FĂŒhren sind verschiedene Regeln bzw. Prinzipien einzuhalten:

  • Das FĂŒhren findet in alltĂ€glichen Situationen statt.
  • Der ganze Körper des Patienten wird unter Einbezug der stabilen Umwelt (Unterlage/Seite) gefĂŒhrt.
  • Die jeweilige topologische VerĂ€nderung im Geschehen wird spĂŒrbar gemacht (Was ist Ursache und was ist die Wirkung meines Tuns).
  • Nach jeder Aktion im Geschehen und der Exploration (ErspĂŒren) der VerĂ€nderung erfolgt die Exploration (ErspĂŒren) zur Position ( Wo bin ich und wo ist die Umwelt).
  • Nach jeder Aktion mit Exploration der VerĂ€nderung auf der einen Körperseite und der anschließenden Information zur Position, wird eine Aktion auf der anderen Körperseite durchgeführt. Dieser Seitenwechsel versorgt beide Gehirnhälften und verknüpft sie miteinander.
  • WĂ€hrend des FĂŒhrens wird nicht mit dem Patienten gesprochen. Damit wird erreicht, dass der Patient sich zu nĂ€chst nur auf die elementarste Wahrnehmung, dem SpĂŒren ausrichten kann. Sprechen im Rahmen einer kurzen Kontaktaufnahme vor dem FĂŒhren ist normal und auch anzuwenden. Bei Patienten, die in ihrem Rehabilitationsverlauf weiter fortgeschritten sind, ist es möglich, nach einem gefĂŒhrten Geschehnis eine sprachliche Aufarbeitung durchzufĂŒhren.

Wenn wir den Patienten fĂŒÌˆhren, so ist das etwas sehr aktives fĂŒr den Patienten. Sein Gehirn erhĂ€lt Informationen ĂŒber seine Position in Beziehung zur Umwelt und organisiert diese auch in Verbindung mit dem jeweiligen Handlungsziel ( im Geschehen). Dadurch wird das Chaos im Gehirn weniger und verhilft dem Patienten sich weiterzuentwickeln – zu lernen.

Die Gestaltung der Umwelt:

Auch der Gestaltung der Umwelt kommt eine große Bedeutung zu. Aus den Merkmalen der gespĂŒrten Interaktion wissen wir, dass der Patient sich in Beziehung zur Umwelt bewegen muss. Er muss berĂŒhren können und Widerstand spĂŒren können. Dies bedeutet, dass Umwelt vorhanden sein muss, um sie berĂŒhren zu können. Bei komatösen Patienten muss die Umwelt verĂ€ndert werden (z.B. Bett an die Wand stellen), das sie im Verlauf des Geschehens berĂŒhrt werden kann. Gerade bei wachkomatösen Patienten ist es wichtig und notwendig, ihnen zusĂ€tzlich zur Unterlage auch die stabile Seite anzubieten. Ist die Umwelt nicht stabil, können wir auch nicht davon ausgehen, dass sie dem Gehirn verlĂ€ssliche Informationen vermittelt (Beispiel: Knien auf einem Gymnastikball). DarĂŒber hinaus sollte die Umwelt so natĂŒrlich wie möglich sein. Dies bedeutet, dass möglichst so wenig fremde ( nicht zur Situation gehörende) GegenstĂ€nde (z.B. SchaumstoffwĂŒrfel) eingesetzt werden oder möglichst vermieden werden sollten.